Auf dem InspirationsWeg zwischen Ebstorf und Hanstedt I

Was inspiriert uns? Sind es Gefühle, Instinkte, Stimmungen? Vielleicht von allem etwas? Von einem mehr, von anderem weniger? Ist es möglich diese Gemüts- oder Seelenzustände in Bilder zu packen? Kann ich mich mit meiner Interpretation eines bestimmten Gefühls in den Bildern wiederfinden? Spannende Fragen, denen ich heute bei meiner Wanderung auf dem neu geschaffenen InspirationsWeg zwischen Ebstorf und Hanstedt I (rd. 7,5 Kilometer) nachgegangen bin. Um es vorweg zu nehmen: die Bilder von Frauke Thein haben mich sehr angesprochen, tief berührt und mir den Raum gelassen, meine eigenen Interpretationen zu den jeweiligen Themen zu finden.

Wer die beiden anderen Besinnungsweg in Ebstorf, den Schöpfungsweg und den Auferstehungsweg kennt, die beide von dem Maler Werner Steinbrecher gestaltet wurden, wird überrascht sein. Die Bilder von Frauke Thein sind ganz anders: sie wirken weniger konstruiert, sind abstrakter und farbintensiver. Zu den Bildern gibt es immer kurze Texte der Malerin und Psalmen oder Bibeltexte, die Pastor i.R. Friedemann Heß ausgewählt hat. Empfehlenswert ist der Kauf des Begleitbuches, in dem es jeweils weitere Begleittexte von Friedemann Heß gibt.

Neubeginn-1Der Weg beginnt am Domänenplatz in Ebstorf mit dem Bild Neubeginn „Inspiration“. Gelb und Orange sind die dominierenden Farben, ein strahlender Kern in der Mitte – die Keimzelle oder die erste Idee? Was ist ein Neubeginn? Bezeichnen wir nur etwas als Neubeginn, wenn sich unser Leben total verändert? Wann hat es in meinem Leben Neuanfänge gegeben? Spontan fallen mir da schon einige Situationen ein. Aber ist es richtig, nur die großen Wendungen im Leben zu betrachten? Müssen wir uns nicht ständig mit Neuem befassen? Sind es nicht auch die vielen kleinen Neuanfänge, die unseren Lebensweg beeinflussen? Werden wir nicht täglich von vielen kleinen Dingen inspiriert? Ja und dann fällt mir natürlich Hermann Hesse mit seinen wohl bekanntesten Gedichtzeilen ein: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

VerbundenheitVerbundenheit „Herzflamme“ heißt das zweite Bild. Zwei pinkfarbene Blüten sind durch Flammen verbunden. Frauke Thein und Friedemann Heß schreiben in ihren Texten von der Liebe, die die Menschen verbindet und die ihnen Kraft gibt. Klar, das ist die Interpretation, die sich auch mir sofort aufdrängt. Aber an diesem strahlenden Tag fühle ich auch ganz intensiv eine tiefe Liebe zu dem, was mich umgibt. Ich fühle mich als Teil eines Ganzen und das erfüllt mich und macht mich glücklich.

UnbeschwertheitEine grüne Wiese, auf der dunkelroter Mohn, Pusteblumen und eine gelbe Glockenblume blühen steht für Unbeschwertheit „Verspielte Offenheit“. Die Leichtigkeit des Sommers, Sonne auf der Haut, das duftende Heu einer gemähten Wiese und summende Bienen – all das erlebe ich gerade auf meiner Wanderung und dazu passt dieses Bild perfekt. Schade, dass es in der Nähe der Straße steht, an der der Weg nun ein gutes Stück entlang führt. Ich hätte meine Gedanken gern noch etwas schweifen lassen, werde jetzt aber vom Verkehr, der die Idylle dieses Sommertages stört, abgelenkt.

ZornDeshalb muss ich innerlich lächeln, als ich an die nächste Station komme, die dem Zorn „Feuerausbruch“ gewidmet ist. Rot ist die dominierende Farbe – die Zornesröte. Die Darstellung erinnert mich an einen Vulkan, in dem es langsam zu brodeln beginnt. Immer mehr Energie staut sich auf und dann kommt der Ausbruch. Am Rand des Bildes ist die Farbe dann deutlich heller, möglicherweise ein Indiz dafür, dass ein Zornesausbruch auch befreiend sein kann. Ist es nicht besser, ab und zu mal zu explodieren? Wer hätte nach einem Zornesausbrauch nicht schon festgestellt, dass er nicht nur befreiend, sondern oft auch inspirierend ist und den Weg für Neues ebnet?

Traumwandeln-1Ich sehe sofort, dass dies eines meiner Lieblingsbilder auf diesem Weg werden könnte: Traumwandeln „Heidemond“. Dieses Bild hat etwas mystisches, träumerisches. Es animiert zum Träumen – hier sofort im hellen Sonnenschein. Ich habe eine ganze Menge Träume, manche gehen in Erfüllung und manche sind unerreichbar, aber trotzdem schön und inspirierend. Mit diesen schönen Gedanken gehe ich beschwinkt weiter…

Spannung… und komme zur Spannung „Magie des Unbekannten“. Ich habe das Gefühl, von diesem Bild magisch angesogen zu werden. Die Spannung, etwas Neues zu entdecken, ist fast fühlbar. Auch wenn das Innere des Trichters dunkel ist, so ist es doch nicht Angst einflößend, sondern macht neugierig – es macht an. Auf dem Rand des Trichters sitzt ein Schmetterling oder sind es doch Lippen? Ich finde das Bild ziemlich erotisch und den Titel „Magie des Unbekannten“ ausgesprochen treffend.

HarmonieRosen in einem harmonischen Farbensemble symbolisieren Harmonie „Zusammenklang“. Mittlerweile bin ich eingetaucht in einen duftenden Kiefernwald, der mich mit harmonischem Grün umgibt. Keine faszinierende Magie des Unbekannten, sondern große Vertrautheit, die beruhigt, die entschleunigt, die Raum gibt, sich auf sich selbst zu besinnen. Mir fällt ein, dass eine Kollegin neulich einmal von „hörbarer Ruhe“ sprach. Eine faszinierende Assoziation, die sich für mich mit Harmonie verbindet.

AngstUnd dann laufe ich direkt auf ein düsteres blaues Bild mit hellem Blitz in der Mitte zu. Ich bin immer noch im Wald und stelle mir sofort ein heftiges Gewitter vor. In einer solchen Situation ist der Wald nicht gerade ein sicherer Ort. Ich habe ein ungutes Gefühl und dann lese ich, dass das Bild Angst „Schutzsuche“ heißt. Perfekt! Im Weitergehen sinne ich darüber nach, dass Angst letztendlich die Voraussetzung dafür ist, vorsichtig und bedacht zu handeln.

TrostAuch der Standort für Trost „Lichter Schatten“ ist perfekt gewählt, denn vor lauter Schatten, die auf dem Bild tanzen, kann ich es kaum erkennen. Gibt es nicht den Spruch, dass dort wo viel Schatten auch viel Licht ist? Oder war es umgekehrt? Auf jeden Fall besteht ein enger Zusammenhang. Trost wird von lieben Mitmenschen gespendet und zeigt uns, dass wir nicht allein sind. Trost – die Erkenntnis, dass nach großen Enttäuschungen, nach Schicksalsschlägen oder Verlusten es immer wieder aufwärts geht, treibt uns voran und lässt uns immer weiter machen. Und oft war doch gerade ein negatives Erlebnis der Beginn oder die Inspiration zu etwas Neuem – ein schöner Trost, der sich schon oft bewahrheitet hat.

MachtMacht „Rote Fülle“ – eine treffende Bezeichnung für das nächste Bild. Macht bedeutet Dominanz über andere. Aber Macht zieht auch an oder warum suchen so Viele die Nähe der Mächtigen? Wollen sie nicht auch von der Macht profitieren? Ist Macht immer negativ? Sicher, wenn sie sich in Gewalt, Angst und Unterdrückung zeigt. Aber es gibt doch auch die Macht der Liebe, der Gedanken und Ideen und diese Überlegungen finde ich heute sehr beruhigend und inspirierend .

SehnsuchtUnd wieder kommt so ein Bild in mein Blickfeld, das mich auf Anhieb anzieht und anspricht, wo ich weder Titel noch Text lesen muss, um zu wissen, was Frauke Thein damit ausdrücken wollte: Sehnsucht „Widerhall aus der Ferne“. Ich spüre diese Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem, nicht genau zu Definirendem in mir. Sie treibt mich voran, in eine Richtung, die vorbestimmt ist oder die ich selbst beeinflusse – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich einen Weg, nämlich meinen Weg gehe und das mich etwas immer weiter voran treibt.

GelassenheitGelassenheit „Tiefe Stille“ – ein blaues Bild, das Ruhe ausströmt. Eine leicht bewegte Wasserfläche, in der sich das Sonnenlicht spiegelt. Ich habe das Gefühl, dass hier etwas in sich ruht, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und umsichtig und überlegt reagiert. Für mich kann ich konstatieren, dass Gelassenheit etwas mit Lebenserfahrung zu tun hat. Früher habe ich oft sehr viel impulsiver reagiert, heute kann ich Probleme aussitzen, denn es ist schon was dran an dem Satz, dass am nächsten Morgen, alles anders aussieht. Probleme lösen sich zwar meistens nicht von allein, aber eine andere Betrachtungsrichtung ist schon oft hilfreich.

HoffnungUnd dann komme ich zur Hoffnung „Inneres Leuchten“. Sagt man nicht immer „die Hoffnung stirbt zuletzt“? Hoffnung und Zuversicht, wenn wir sie nicht hätten, würden wir dann überhaupt etwas angehen? Haben wir nicht bei all unserem Tun die Hoffnung, etwas zu verbessern? Könnten wir überhaupt überleben, wenn wir nicht auch in der ausweglosesten Situation immer einen Hoffnungsschimmer hätten? Für mich hat Hoffnung auch mit positivem Denken zu tun, denn ich glaube fest, dass die Menschen, die vom halbvollen statt vom halbleeren Glas sprechen, ihr Leben besser im Griff haben – einfach hoffnungsvoller sind.

EinsamkeitDas vorletzte Bild des InspirationsWeges Einsamkeit „Gespräch mit sich selbst“ passt so recht zu meiner heutigen Wanderung und den Gedanken, zu denen mich die Bilder von Frauke Thein inspiriert haben. Für mich war es richtig und wichtig, diesen Weg heute allein zu gehen und über die verschiedenen Themen, die das Leben jedes Einzelnen mit unterschiedlicher Gewichtung bestimmen, nachzudenken. Ich habe heute „mit mir selbst gesprochen“ und das war gut und inspirierend. Ich habe über mich, mein Verhalten in bestimmten Situationen, über meine Wünsche und Träume, über Beziehungen unterschiedlichster Art und über Ideen, die noch immer in der Warteschleife sind, nachgedacht. Ganz nebenbei habe ich mir auch mal wieder die Frage gestellt, ob der Weg, so wie ich ihn gehe, richtig ist. Habe ich Ziele, die ich mir gesetzt habe schon ganz oder teilweise erreicht? Welche neuen Ziele sollte ich verfolgen?

ÜbergangUnd dann bin ich in Hanstedt angekommen und stehe an der Kirche vor dem letzten Bild Übergang „Atemlose Stille“. Dieses letzte Bild schafft den Übergang zum Auferstehungsweg, der hier an der Hanstedter Kirche beginnt und zurück nach Ebstorf führt. Ich entscheide mich bewusst, diesen Weg nicht zu gehen, denn ich brauche jetzt noch Zeit, die vielen Denkanstöße zu verarbeiten und über das eine oder andere noch mal in Ruhe nachzudenken. Fünfzehn Bilder und Themen sind mehr als genug, wenn man sich ernsthaft mit jedem einzelnen befasst und den Weg zwischen den Bildern zum Reflektieren nutzt. Das nächste Mal würde ich den Weg gern in Begleitung gehen, denn sicher ist es auch sehr inspirierend über die Themen zu diskutieren und sich auszutauschen.

Mein Tipp für alle, die auf diesem Weg wandern wollen: man sollte sich für die 7,5 Kilometer zwei bis drei Stunden Zeit nehmen, sich zwischendurch mal auf eine Bank oder ins grüne Gras setzen und den Gedanken freien Lauf lassen. Und noch ein ganz wichtiger Tipp: Man sollte sich vorher in der Tourstinfo unbedingt eine Karte, in die der Weg eingezeichnet ist, holen. Die Beschilderung ist bisher nur provisorisch und sehr unzureichend. Ohne die Karte hätte ich mich wahrscheinlich verlaufen und nicht alle Bildstationen gefunden.

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Über birgitrehse

Ich lebe in der Lüneburger Heide, reise gern und viel. In meiner Freizeit erkunde ich die heimatliche Natur per pedes oder Rad, gern auch mit meinen Nordic-Walking-Stöckern. Genau so gern mag ich kulturelle Veranstaltungen an besonderen Orten oder bei trübem Wetter einen Saunatag in einer schönen Wellnessanlage.
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